Angesichts des geringen Anteils an den öffentlichen Gesamtausgaben werden Kürzungen am Kulturetat niemals zu einer Sanierung der Haushalte führen. Die Idee, dass in allen Bereichen gleichermaßen eingespart werden muss - "jeder muss den Gürtel enger schnallen." - erscheint fair, ist jedem einleuchtend und definitiv politisch korrekt. Diese Haltung ist Ausdruck der Tatsache, dass sich die Anteiligkeit der öffentlichen Ausgaben so sehr festgefahren hat, dass es undenkbar geworden ist, diese in ihren Grundzügen zu verändern.
von Peter Schmidt, der uns spontan diesen Beitrag als Reaktion auf Eike Möllers Kommentar zugeschickt hat
Wenn es um den Etatausgleich geht, müsste doch bei jeder Subvention immer wieder von neuem überlegt werden, was ihr gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und ökologischer Mehrwert ist. Dies wird alljährlich umgangen, indem die verschiedenen Interessenverbände immer wieder bloß an Vorjahreszahlen zerren und sie zu ihren Gunsten versuchen, um dieses bisschen zu erhöhen oder ihre Senkung auf jenes bisschen zu begrenzen (wenn möglich mit gesetzlicher Absicherung). Haben die Agrarsubventionen in ihrer jetzigen Form beispielsweise wirklich den (wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, gar ökologischen) Mehrwert, den die Zahlen fordern müssten? Oder sind sie vielmehr eine welthungervorantreibende Interessenbesänftigungsmaßnahme?
Gleiche Überlegungen müssen doch auch für Kultur gelten! Als Kulturschaffender bin ich restlos überzeugt von dem gesellschaftlichen Mehrwert, den Kultur leisten kann. Was aber, wenn mich niemand danach fragt und ich nicht rechtfertigen muss, was der gesellschaftliche Mehrwert dessen ist, was ich tue? Man sieht, was passiert: Kulturelle Einrichtungen (Theater, Orchester, Rundfunkanstalten) rechtfertigen ihre staatlichen Beihilfen durch Altehrbarkeit, Tradition und Renommee ihrer Institution (wobei die Gründe für letzteres oft weit zurückreichen) anstatt durch Nachfrage oder Relevanz. Dass diese oder jene Institution schon seit Jahrzehnten diesen oder jenen Anteil an Zuschüssen bekommt, wird als Begründung dafür verwendet, dass sie auch weiterhin diesen oder jenen Anteil an Zuschüssen bekommen sollte. "Das steht mir zu, weil es mir immer schon gegeben wurde."
Dass also Kultur einen gesellschaftlichen Mehrwert leistet, darüber ist man sich grundsätzlich einig. Dass aber der finanzielle Gegenwert, den die öffentliche Hand für Kultur leistet, ein linearer Maßstab für ihren Mehrwert sei, ist doch sehr zu bezweifeln! Jeder, der schon "grass-roots"-Kulturarbeit geleistet hat, weiß, dass Projekte mit geringen finanziellen Mitteln (oft in der "Provinz"), viel nachhaltigere Wirkung entfalten und stärkere Eindrücke hinterlassen können als ein prall finanziertes Gala-Event. Nun ist dies leider nicht messbar und so bleibt das kreative, neue, "andersartige" kulturelle Kleinod ob mangelnder Altehrbarkeit und institutioneller Vertretung bei Finanzdiskussionen der öffentlichen Hand außen vor. Ist auch dies nicht aus dem Fenster geschmissenes Geld, wenn der gesellschaftliche Mehrwert durch gezieltere Förderung um ein vielfaches höher sein könnte?
Solche Überlegungen würden freilich den Vergabeprozess der öffentlichen Gelder deutlich anspruchsvoller gestalten, gleichzeitig würde man aber durch einen fortwährenden Rechtfertigungsdruck eine höhere Qualität des kulturellen Angebots erreichen. Auch kulturelle Institutionen würden hiervon profitieren. Social Media könnten bei der Beurteilung der Förderwürdigkeit eines kulturellen Projekts mitbestimmend sein, die Beteiligung des Publikums wäre garantiert und eine Annäherung des Kulturprodukts an den Rezipienten erreicht. Übrigens glaube ich nicht, dass hierunter Randsparten, die traditionell als förderungsbedürftig gelten (zeitgenössische Musik zum Beispiel) besonders leiden würden, da auch sie hierdurch direkter mit ihrer Community in Kontakt treten und sich ihres eigenen Wertschaffens bewusster werden würden.
In meiner Voreingenommenheit glaube ich jedoch nicht, dass der Anteil kultureller Ausgaben am Haushalt allgemein zu hoch ist, ganz im Gegenteil! Interessant und keineswegs trivial ist doch auch die Frage, ob mit dem gesellschaftlichen Mehrwert, den Kultur unbestritten leistet, nicht auch ein ökonomischer Mehrwert einhergeht, der gar nicht genau abzusehen ist. Anders gesagt, ist Kultur nicht immer auch Investition? Vor diesem Hintergrund wäre es selbst rein ökonomisch gesehen unsinnig, an Ausgaben im kulturellen Bereich zu sparen. Es gibt viele Anzeichen, die einen solchen Zusammenhang erkennen lassen. Vielfache Studien zeigen etwa die Wirkung der Musik auf unser Denken, auf unsere Produktivität, auf ganze soziale Bewegungen. Keine dieser immer wieder veröffentlichten, die Macht des kulturellen Ereignisses bezeugenden Studien können aber wirklich jemanden überraschen, der immer wieder am Erschaffen besonderer Momente im Leben einzelner Menschen und ganzer Gruppen teil hat.
Anstatt gleichmäßig zu kürzen und allgemeine Enthaltsamkeit zu predigen, wäre es sinnvoller, jeden einzelnen staatlichen Zuschuss immer wieder von neuem zu hinterfragen. Hierfür ist ein grundsätzliches Umdenken gefragt, gegen das sich einflussreiche Teile der Kulturpolitik noch sperren.
Peter Schmidt ist als freischaffender Cellist Mitglied zahlreicher Ensembles und Gast internationaler Festivals. Zugleich bereitet er sich an der Robert-Schumann-Hochschule in Düsseldorf auf das Konzertexamen vor.