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    Mehr als schöne Kinderkonzerte

    Jeder kennt diese Situationen im Alltag: „Und was machst du so beruflich?“ Die Berufsbezeichnung „Konzertpädagogin“ oder (noch schlimmer) „Musikvermittlerin“ erzeugt im Kopf des Gegenübers nie ein Bild meines Arbeitsalltags, sondern immer einen interessierten, fragenden  Blick. Selbst wenn ich meinen Beruf zwischen Schreibtisch, Konzertsaal und Klassenzimmer beschreibe, so erfasst es doch nicht annähernd das Wesen dessen, womit ich meine Zeit verbringe. Der Versuch einer Annäherung.

    [ Lisa Unterberg | Konzertpädagogin ]

    Kinderkonzert_400
    Vermittlung von Musik?

    Die Aufgabe der Musikvermittlung und Konzertpädagogik hat im vergangenen Jahrzehnt an Bedeutung und öffentlicher Wahrnehmung gewonnen. Nicht zuletzt aus politischen Gründen gibt es kaum eine klassische Kulturinstitution in Deutschland, die sich nicht in irgendeiner Weise pädagogisch mehr oder weniger professionell engagiert.[1] Dabei wird häufig übersehen, dass pädagogisches und künstlerisches Handeln nie wirklich getrennt waren. Wenn man in der Geschichte zurückblickt, so ist es wie selbstverständlich zu beobachten, dass Musiker in der Regel neben der reinen Konzerttätigkeit immer auch unterrichtend und vermittelnd tätig waren.

    Den sozialen, kulturellen und kulturpolitischen Veränderungen, die die Trennung zwischen künstlerischem und pädagogischem Handeln hervorgebracht und damit Vermittlungsarbeit notwendig gemacht haben, gilt hier nicht mein primäres Interesse. Es ist aber zu beobachten, dass kulturvermittelnde Angebote in einem hohen Maße von Interessen des Marketings gesteuert sind. Es sind Bilder von glücklichen Kindern, die für Sponsoren und Partner interessant sind und natürlich die Bindung dieser „Zuhörer von Morgen“ an die klassische Kultur, um auch in der Zukunft zahlendes Publikum in Ausstellungen, Konzerten und Theatern begrüßen zu dürfen. Diese Aspekte schließen gute Musikvermittlung nicht aus. Sie sind jedoch aus meiner Sicht schöne Nebeneffekte. Eigentlich geht es um etwas anderes.

    Was ich tue

    Zunächst steht die Musik im Mittelpunkt meines Interesses und meiner Arbeit. Eine inhaltliche und musikalische Arbeit mit dem Werk um das es geht, mit Programmen und den Komponisten steht ganz am Anfang. Um musikwissenschaftliches Handwerkszeug komme ich dabei nicht herum: Partiturstudium, der historische Kontextualisierung und dramaturgische Vorüberlegungen. Solange bis ich in einem Werk „zu Hause“ bin. So wird es möglich musikimmanente Inhalte zu finden, die für die Zuhörer interessant sind und die exemplarisch das Wesen des Werkes und seine Bedeutung beinhalten.

    Als zweites, aber nicht minder wichtig, gelten meine Überlegungen der Lebenswelt des Publikums. Welche Ängste, Gefühle und Gedanken sind für die Menschen wichtig, denen ich begegne? Gerade wenn ich an Stücken für Kinder arbeite, verstehe ich sie als Publikum und Zuhörer von heute und nicht erst von morgen. Ich nehme sie in ihrem Wesen ernst, komme ihrem Verständnis der Welt und ihren kognitiven Voraussetzungen entgegen und ermögliche ihnen den Kunstgenuss im hier und jetzt.

    Nach diesen Vorüberlegungen mache ich mich an die eigentliche Arbeit. Ich versuche das eine mit dem anderen zu verbinden: die Musik mit der Lebenswelt. Es ist immer wieder erstaunlich und wunderschön zu sehen, wie Musik plötzlich an Bedeutung gewinnt, wie sehr junge und nicht mehr so junge Ohren aufgehen und Raum für die vielschichtigen Gefühle und Gedanken entsteht, die unsere über viele Jahrhunderte gewachsenen Kunstmusik bereithält.

    In solchen Momenten wächst nicht nur auf Zuhörerseite, sondern auch bei den Musikern ein zunehmendes Verständnis für die Bedeutung ihres Tuns, die über das reine Musizieren hinausgeht. Sie haben für ihre Kunst offene Ohren gefunden und eine Möglichkeit mit aufmerksamen Zuhörern das zu teilen, was sie lieben. Gute Musikvermittlung ist dabei wie einen Bühne, die den Fokus auf das legt, was auf ihr geschieht und selbst unsichtbar bleibt.

    Verführen zur Musik

    Es geht um mehr als um schöne Kinderkonzerte, nette Workshops oder unterhaltsame Konzerteinführungen. Es geht darum den Zuhörern eine neue Welt zu erschließen. Es ist die Welt ihrer eigenen Gefühle und Gedanken, die sie in der Musik wiederfinden können. Wenn Kunst einen Sinn haben kann, dann doch das auf sich selbst zurückgeworfen sein und das daraus resultierende individuelle Wachstum. Insofern verstehe ich meine Tätigkeit als ein höchst künstlerisches Tun.[2]

    Dabei mache ich Angebote und verführe zum Hinhören und Hinschauen. Wir haben heute so viel freie Zeit zur Verfügung, wie keine Generation vor uns. Es geht auch darum Möglichkeiten aufzuzeigen und Angebote zu machen, diese Zeit sinnvoll und erfüllt zu verbringen.

    So eröffne dem einzelnen Zuhörer ich im Idealfall die Möglichkeit, Schönheit staunend zu erkennen und dankbar zu betrachten.

    [1]  Vgl. Keuchel, Susanne; Weill, Benjamin; Zentrum für Kulturforschung: Lernorte oder Kulturtempel. Infrastrukturerhebung Bildungsangebote in klassischen Kultureinrichtungen. Köln, 2010.

    [2]  Vgl. Bertram, Georg W.: Kunst, eine philosophische Einführung. Stuttgart 2005.


    Lisa_unterberg_
    Lisa Unterberg studiert im Anschluss an ihr Musikpädagogik Diplom im Masterstudiengang Musikwissenschaften an der Folkwang Universität der Künste und interessiert sich besonders für Fragen der ästhetischen Bildung und Erziehung. Nach Stationen im Ruhrgebiet hat sie im September die pädagogische Leitung des Zukunftslabors an der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen übernommen und zeigt sich für PODIUM.Education verantwortlich.

    • 8 January 2012
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