Ich werde im Folgenden der Versuchung widerstehen, noch einen Beitrag zu der recht leidig gewordenen Diskussion um den Zustand des klassischen Musikbetriebs und seiner Institutionen in die Runde zu werfen. Es soll hier nicht darum gehen, warum und wie wir die bestehenden Kulturträger retten können, sollen oder müssen. Es geht also nicht – wie sonst so oft – um Selbsterhalt und Selbstrechtfertigung, sondern um Selbsterneuerung.
Von Steven Walter [PODIUM]
Dieser Artikel ist im Original in der Oktober-Ausgabe des KM Magazins erschienen.
Als Musiker hat man es ständig mit Vorstellung zu tun: Musik selbst ist nichts anderes als hörbar gemachte Vorstellung. Wenn es aber darum geht, sich andere Rahmenbedingungen und Erlebnisräume für unsere Musik vorzustellen, sind wir seltsam phantasielos und beinahe paralysiert: wir verlassen uns vollständig auf ein überliefertes System von Institutionen und Vertriebswege, das – wie sehr vieles in der heutigen Zeit – einen radikalen Strukturwandel erlebt. Es ist dieses Gefühl, einer der Gesellschaft fremd gewordenen musikalischen Hochkultur-Infrastruktur ausgeliefert zu sein, das so frustriert und Kompensationseffekte wie übertriebene Borniertheit und Engstirnigkeit, für die wir leider landläufig bekannt sind, hervorruft. So verwundert es nicht, dass Orchestermusiker in Rankings zur Jobzufriedenheit erschreckend schlecht abschneiden, in einer Studie sogar knapp unter den Gefängniswärtern. Die Frage ist also: wie gewinnen wir künstlerische Autonomie und Kontakt zum Publikum zurück? Was ist aus diesem Geist geworden, der uns in der Jugend mit so viel Begeisterung für das Spielen, Vermitteln und Ermöglichen von Musik infiziert hat?
Das größte Problem ist wohl, dass angehende Musiker schon sehr bald im Studium erfahren, dass es bei all dem vor allem um eines zu gehen scheint: irgendwann ein Probespiel gewinnen und einen „Job“ haben. Der Weg ist vorgezeichnet. Tatsache ist aber, dass die Mehrzahl der Musiker am Ende doch „frei“ sind – entweder weil sie schlicht keine Stelle bekommen, oder aber auch zunehmend aus Gründen, wie ich sie für mich selbst vorfand: das kreativlose Dienst-schieben im Orchesterberuf ist zu oft einfach ungeheuer frustrierend. Da wir nun in der Mehrzahl „freie“ Musiker sind, stellt sich also die Frage nach einem komplett neuen künstlerischen Berufsbild jenseits von Probespielprogramm und Koppelung an große Institutionen.
In den Äußerungen der Musikschaffenden vernimmt man meiner Ansicht nach zu viel Geschrei und Empörung über die Realität und recht wenige Visionen und Ideen für das Mögliche. Ganz viel Gewissheit und Sicherheit geht verloren: das ist die Realität. Eine ungleich wirkungsvollere, dezentrale Musiklandschaft zahlreicher freier Musikgruppierungen: das ist die Möglichkeit. Auch in der Kulturwelt ist beständig von der Forderung nach „Innovation“ die Rede. Dabei wird vergessen, dass Innovation nur das Endphänomen eines Prozesses ist: zuerst kommt Imagination, dann eine kreative Phase und zuletzt (vielleicht) Innovation. Ohne Vorstellungskraft ist Innovation jedenfalls eine Unmöglichkeit. Stellen wir uns also vor, jeder Musiker mit einer Konzertidee, jedes Ensemble mit einer Programmvorstellung, jedes Hirngespinst von einem neuen Orchester- oder Festivalformat fände eine Möglichkeit, wirklich zu werden… wie unglaublich reich an Musik wären wir - auch fern der institutionellen Musiktempel. Und was hindert uns, jede denkbare Idee und Vorstellung durch Netzwerke und Zusammenarbeit in Wirklichkeit umzusetzen? Im Kunstprodukt selbst tun wir dies doch ständig und in unglaublicher Komplexität! Die Polarisierung zwischen Kunsterzeugung und Kunst-Management ist im Grunde kontraproduktiv. Zum kulturellen Erzeugnis gehört die manageriale Ermöglichung – sie bedingen einander. Selbstverständlich sind dies grundverschiedene Aufgaben, die bei größeren Projekten auch personell getrennt verübt werden müssen, aber die Initiierung – und dies ist die Hauptthese dieses Beitrags – muss aus der Kunst und von den Künstlern selbst kommen. Wenn Verwaltungen Kunst initiieren fühlt sich die Unternehmung auch häufig genau so an: verwaltet. Und dies ist meines Erachtens der Hauptgrund, warum wir ein solches Problem mit dem Publikumsnachwuchs haben (und ja, wir haben ein Problem!): es fehlt die Authentizität des gesamten Rahmens. In einem sterilen und routinierten Umfeld hat es die Kunst ungeheuer schwer, egal wie qualitativ hochwertig das Produkt nun auch sein mag. Menschen haben einen unbestechlichen Sinn für Authentizität. Und vielleicht kann diese Musik in einem so normierten, abgeklärten und betrieblichen Umfeld schlicht nicht das sein, was sie ist: fragil und frei, erforschend und fordernd.
Wir brauchen also ganz neue Erlebnisräume für unsere Musik. Und diese Räume müssen vor allem wir als Musiker schaffen, weil wir nun einmal die Vermittler sind zwischen Musik und Menschheit. Es wird immer die großen Leuchttürme geben - viel wichtiger (am Ende auch für die großen Leuchttürmer!) ist es aber, dass so etwas wie eine Indie-Classical Szene entsteht, eine Subkultur für Kunstmusik. Diese Musik wird immer förderungsbedürftig sein, wir können uns mit dieser komplexen Musik unmöglich mit Pop-acts in Konkurrenz sehen. Aber keine rein politische Agenda und auch kein Businessplan aus dem Kulturmanagement, sondern nur wir Protagonisten werden hierfür den ersten Schritt machen können - mit unternehmerischen Tatendrang und einer inhaltlichen, musikalischen Mission jenseits des Hochkultur-Schemas.
Speerspitzen dieser neuen Bewegung gibt es in der freien Szene viele. Fantastisch kreative Ensembles wie das Solistenensemble Kaleidoskop, neue Formate wie die Hauskonzertinitiative PianoCity und innovative Festivals sprießen aus dem Boden und bereichern unsere Szene ungemein. Ich selbst habe mit dem PODIUM Festival Esslingen erlebt, wie aus dem nichts ein preisgekröntes internationales Festival und ein neues, sehr breites Publikum für anspruchsvolle Programme entstehen können. Wie so oft ist die Zukunft also bereits da – sie ist allerdings ungleichmäßig verteilt und erfolgt sehr lange weitgehend auf Selbstausbeutungsbasis. Die Unverhältnismäßigkeit der Verteilung öffentlicher Mittel zu Gunsten der Erhaltung alter, enorm teurer Strukturen und zu Lasten einer dynamischen freien Klassikszene ist ein Missstand, auf den ich hier nicht weiter eingehen werde. Diese Auseinandersetzung wird so oder so kommen. Wichtiger ist, dass wir nun gemeinsam noch viel mehr und immer wieder beweisen, wie viel Potential im freien, dynamischen Musikschaffen steckt. Das bedeutet eine Abwendung von den bekannten Rollen und Wegen des Betriebs und eine Hinwendung zu einem neuen, vernetzten und wachen Umgang mit den Möglichkeiten, die die Realität bietet. Dabei geht es nicht nur um neue Formate und Programmdramaturgien, sondern vor allem um die Entfaltung unserer Begeisterung und Liebe für Musik, die leider so oft und so furchtbar unfruchtbar im Repertoire-Betrieb der Orchester versiegt.
Möglichkeitssinn trumpft immer den Realitätssinn, wenn es darum geht, Menschen zu aktivieren. Wenn wir dann noch die Möglichkeiten gemeinsam kreativ ergreifen, so wird Innovation und zuletzt auch gesellschaftliche Wertschätzung folgen. Die Legitimation des Wertes von Kultur basiert immer auf „Wert-Schätzung“. Wir sind von unserem Kulturgut Musik überzeugt, aber das reicht nicht. Es muss immer wieder mit Herzblut dafür geworben werden. Die vielzitierte „Krise der Klassik“ gibt es nicht. Das Schubert Quintett kennt keine Krise und auch das Berg Violinkonzert nicht. Unsere Musikinstitutionen haben die Krise – und es liegt an uns Musikern, die neuen Wege des Musikschaffens zu weisen.