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    Welchen Wert hat Kultur?

    Als Musiker war es doch ein ziemliches Abenteuer, ein Executive MBA in General Management in Angriff zu nehmen, wie ich es vor nun knapp drei Jahren an der Universität St. Gallen tat: erstens hatte ich keine Ahnung, was mich denn nun dort fachlich erwartet - "Technologie- und Innovationsmanagement", "Controlling", "Human Ressources Management" und was noch alles mehr klang wie Chinesisch in meinen Ohren - und zweitens war ich dort als einziger Künstler natürlich ein richtiger Exote.

    von Etienne Abelin [Violinist & Kulturmanager]

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    Als es losging und ich mit meinem verflixten Namen als Tagespräsident die allererste Stunde des Studiengangs eröffnen musste und dies mit einer kurzen Telemann Solosonate tat stand sogleich eine Frage im Raum, die mich und die KollegInnen dann durch den ganzen Kurs durch begleitete: was ist der Wert von Musik und Kultur, besonders in einem Kontext von ökonomischem Denken? Es scheint mir immer noch eine ganz und gar nicht einfach zu beantwortende Frage und ich würde gerne einfach mal eine Diskussion anstossen und bin gespannt, wer was dazu zu sagen hat:

    Stichwort "Exzellenz"

    Kommissionen, Experten, künstlerische DirektorInnen und Jurys befinden über den Wert von Kultur. Sie erachten gewisse Erzeugnisse als mehr oder weniger wertvoll.

    Vorteile dieser Argumentation und Vorgehensweise:

    • Kultur wird Wert um ihrer selbst willen zugeordnet.
    • Es entsteht ein Diskurs, eine Art Netz, das auf das gesellschaftliche Leben ausstrahlt und Realität auf ganz eigenständige Art und Weise abbilden und im besten Fall formen kann.

    Nachteile dieses Ansatzes:

    • Es kann eine Distanz zu den Rezipienten entstehen, die sich dazu bevormundet vorkommen können.
    • Konsequenz kann sein, dass die Nachfrage zurückgeht und Kultur als elitär wahrgenommen wird.
    • Über gefällte Entscheide und Stossrichtungen kann schlecht Rechenschaft abgelegt werden. Auf Aussenstehende kann dies willkürlich und intransparent wirken


    Stichwort "Markt"

    Der Wert von Kultur wird hier daran gemessen, wie gross die Nachfrage ausfällt.


    Vorteile dieses Ansatzes:

    • Die Bedürfnisse der Rezipienten werden ernst genommen und an erste Stelle gesetzt.
    • Die entstehenden Realitäten in einem frei spielenden Markt sind eindeutig und leicht verständlich. Es gibt Gewinner und Verlierer. Den Gewinnern ist es gelungen, Bedürfnisse abzudecken, den Verlierern nicht.

    Nachteile dieser Ansatzes:

    • Die Kultur hat keine Leitfunktion mehr und kann gesellschaftliche Realität nicht mehr eigenständig darstellen.
    • Als wertvoll werden die Bedürfnisse der Rezipienten wahrgenommen. Es kann nicht mehr zwischen Kultur und Unterhaltung unterschieden werden und der Kultur wird keinen eigenständigen Wert zugeordnet.
    • Aus einer Kombination von Exzellenzansatz und Marktansatz kann Hochkultur zu einem Premium-Produkt werden, das von einer kleinen aber wirtschaftlich kräftigen Elite nachgefragt wird. Öffentliche Subventionen sind in diesen Fällen schwer zu rechtfertigen.

    Stichwort "Umwegrentabilität"

    Mit verschiedenen Studien wurde versucht aufzuzeigen, dass hohe kulturelle Aktivität, beispielsweise in einer Stadt, sich positiv in der wirtschaftlichen Entwicklung dieser Stadt niederschlägt.

    Vorteile dieser Argumentation:

    • Ökonomisch denkende MitbürgerInnen können so durchaus dazu motiviert werden, Sinn und Wert von Kultur zu erkennen auch ohne dass alle Marktmechanismen erfüllt sein müssen.

    Nachteile der Argumentation:

    • Kultur wird so zu einer Funktion für das, was eigentlich zählt, nämlich messbare wirtschaftliche Entwicklung. Durch diese Funktionalisierung verliert Kultur an Eigenwert, was dazu führen kann, dass der Druck, staatliche Kultursubventionen in Krisezeiten als erstes zu streichen, wächst. Denn wenn Umwegrentabilität der wichtigste Indikator von Wert wird, gibt es ja schnell einmal näher liegende, direkter wirkende Faktoren, die letztendlich als wichtiger angenommen werden.

    Opportunitätskosten dieser Argumentation sind also:

    • Relativierung des Eigenwerts von Kultur.
    • Anfälligkeit für Streichungen in Krisezeiten


    Stichwort "Sozialer Nutzen"

    Ein Paradebeispiel hierfür ist das äusserst erfolgreiche Social Entrepreneurship-Projekt "El Sistema" in Venezuela. Dort werden zur Zeit über 250'000 Kinder und Jugendliche vorwiegend in Orchesterspiel ausgebildet, jeden Tag, mehrere Stunden. Neben etwas dubiosem kulturellen Mehrwert ("dubios" auf dem Hintergrund ökonomischer Denkweisen gedacht), ergibt sich jedoch ein klar definierbarer volkswirtschaftlicher Mehrwert: dadurch dass die School-Dropout-Rate und die Kriminalitätsrate der TeilnehmerInnen von El Sistema nachweislich sinken, kann sehr direkt ein volkswirtschaftlicher Nutzen berechnet werden. Die Inter American Development Bank tat dies vor wenigen Jahren, um beurteilen zu können, ob sie 150 Millionen $ zur Expansion von El Sistema investieren würde. Resultat: 1 investierter Dollar resultiert in 1.68 Dollar Mehrwert. Die 150 Millionen wurden gesprochen.


    Vorteile dieser Argumentation:

    • Wieder kann man mit klaren Zahlen operieren und so weite Kreise der Bevölkerung vom Wert dieser kulturellen Betätigung überzeugen.

    Nachteile dieser Argumentation:

    • Wieder ist Kultur eine Funktion - hier eine Funktion eines sozialen Nutzens, der wiederum in volkswirtschaftlichen Mehrwert übersetzt werden kann.
    • Nicht alle kulturelle Aktivität kann in dieser Art eingesetzt werden. Wenn diese Argumentation also als Masstab genommen wird, fällt viel Kulturelles unter den Tisch.

    Stichwort "Intrinsic Impact"

    Neue amerikanische Studien, die sich mit dem Thema "Intrinsic Impact" beschäftigen, stossen derzeit (insbesondere im englischsprechenden Raum) auf grosses Interesse. Dabei wird gemessen, wie kulturelle Veranstaltungen auf Menschen wirkt, welche Wirkung, oder eben Impact sie hinterlassen. Und dies in verschiedenen Dimensionen: es gibt einen Captivation Index, Intellectual Stimulation, Emotional Resonance, Social Bonding, Aesthetic Growth und sogar Spiritual Value.      

    Vorteile dieser Argumentation:

    • Kultureller Wert muss nicht mehr in finanzielle Zahlen, sprich Geldwert, übersetzt werden.
    • Dennoch wird mit Zahlen operiert, mit Messbarkeit, womit wiederum ökonomisch denkende Menschen mehr anfangen können als mit schwammigen Begrifflichkeiten. Es ist so möglich, kulturelle Aktivität zu evaluieren.
    • Der Ansatz geht weit über bisherige, ungenügende Zufriedenheitsmessungen hinaus.
    • Man ist nahe an den Rezipienten dran. Diese fühlen sich im besten Fall ernst genommen und tragen sogar kreativ zur Weiterentwicklung des kulturellen Angebots bei.

    Nachteile der Argumentation:

    • Es wird nur eine sehr kurzfristige Wirkung gemessen. Längerfristige Wirkungen werden nicht berücksichtigt.
    • Der Wert von Kultur wird nur an der Resonanz in Rezipienten festgemacht. Intrinsic impact also, aber bleibt da noch Platz für intrinsic value?


    Sicher gibt es noch mehr Ansätze und Argumentationen. Was meint ihr, welchen Wert hat Kultur oder kann Kultur (verstanden hier als produzierbare und rezipierbare kulturelle Erzeugnisse) haben? Wie sollte am besten für Kultur argumentiert werden?

     

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    Etienne Abelin ist ein international erfolgreicher Violinist und Kultur-Entrepreneur. Er ist Mitglied u.a. im Mozart Orchester Bologna (Stimmfhrer 2. Violine) und im Luzern Festivalorchestra sowie Initiator zahlreicher innovativer Projekte.

     

    • 26 September 2011
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    8 months ago Katharina Ess liked this post.
    8 months ago Steven Walter responded:
    Steven Walter
    ich würde die Liste noch um den Faktor "Identifikation" erweitern.
    Denke ich an ein Land, eine Region oder ein Mileu, so fällt mir immer zuerst dessen "Kultur" ein. Und erst recht in den Vergangenheit: Völker, die keine Kultur ausbilden, werden vergessen!
    Auch wenn dieser Wert der Identifikation nicht messbar ist: er wird unendlich "Wert-geschätzt". Sofern wir Kunstschaffende mit unserem Tun Identität stiften können, so wird es keinen Legitimationsdruck geben. Denn nichts ist begehrter als dies...
    8 months ago Katharina Ess responded:
    Katharina Ess
    @ Etienne: Was mich noch interessieren würde: Mit welchen Argumentationen oder Thesen haben dich haben dich deine Kommilitonen konfrontiert, die nicht aus der Kultur kamen?
    8 months ago Christian Henner-Fehr responded:
    Christian Henner-Fehr
    Mal ganz blöd gefragt: ist hier von Kunst oder Kultur die Rede? Wäre in dem Artikel die Rede von Kunst, würde ich mich wesentlich wohler fühlen.
    7 months ago Etienne responded:
    re Christian: Du hast recht, Kunst ist besser. Ich denke dann schnell mal auf Englisch "art" und das geht nicht, weil Musik nicht enthalten ist, aber auf Deutsch sollte das gehen. Oder Künste?
    re Katharina: generell mit der Frage, was Kunst denn soll, jenseits von Entertainment (oder: über Entertainment hinaus). Und generell mit etwas Skepsis ;)
    7 months ago Minh Schumacher responded:
    Minh Schumacher
    Aha, jetzt kommt hier noch eine ganz andere Kiste auf: die Aufweichung der beiden Begriffe "Kunst" und "Kultur".

    Wenn man die Kultur ganz allgemein sieht als die Errungenschaften der Menschen im Gegensatz zur Natur, also beispielsweise Technik, Recht, Moral, Wissenschaft etc.. dann sollte dieses Wort ja als Überbegriff für die "Kunst" dienen, um die es ja hier eher geht. Trotzdem ist ständig die Rede von Kunst & Kultur - ist das eine Eigenheit der deutschen Sprache oder wird hier unterbewusst die Kunst als eine Besonderheit, als das Lieblingskind der Kultur behandelt? Ich meine das könnte zu einem bedeutenden Teil an einem der beim Intrinsic Impact angeführten Punkte liegen: dem spiritual value, da die Kunst sehr transzendenten Charakter besitzt.

    Ich glaube eben diese Sonderrolle macht diese Kulturerscheinung besonders schwer messbar. Wie du, Etienne sehr schön aufgedröselt hast, kann man Teilaspekte sehr wohl beziffern, ob mit Geld oder anderen Variablen. Aber dieses Phänomen, also nur unbefriedigende Messbarkeit bei tiefgründender Wertschätzung, sieht man doch schon bei anderen Kulturgütern: Religion, Moral, selbst Wissenschaft?!

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