Als Musiker war es doch ein ziemliches Abenteuer, ein Executive MBA in General Management in Angriff zu nehmen, wie ich es vor nun knapp drei Jahren an der Universität St. Gallen tat: erstens hatte ich keine Ahnung, was mich denn nun dort fachlich erwartet - "Technologie- und Innovationsmanagement", "Controlling", "Human Ressources Management" und was noch alles mehr klang wie Chinesisch in meinen Ohren - und zweitens war ich dort als einziger Künstler natürlich ein richtiger Exote.
von Etienne Abelin [Violinist & Kulturmanager]
Als es losging und ich mit meinem verflixten Namen als Tagespräsident die allererste Stunde des Studiengangs eröffnen musste und dies mit einer kurzen Telemann Solosonate tat stand sogleich eine Frage im Raum, die mich und die KollegInnen dann durch den ganzen Kurs durch begleitete: was ist der Wert von Musik und Kultur, besonders in einem Kontext von ökonomischem Denken? Es scheint mir immer noch eine ganz und gar nicht einfach zu beantwortende Frage und ich würde gerne einfach mal eine Diskussion anstossen und bin gespannt, wer was dazu zu sagen hat:
Stichwort "Exzellenz"
Kommissionen, Experten, künstlerische DirektorInnen und Jurys befinden über den Wert von Kultur. Sie erachten gewisse Erzeugnisse als mehr oder weniger wertvoll.Vorteile dieser Argumentation und Vorgehensweise:
Nachteile dieses Ansatzes:
Stichwort "Markt"
Der Wert von Kultur wird hier daran gemessen, wie gross die Nachfrage ausfällt.
Vorteile dieses Ansatzes:
Nachteile dieser Ansatzes:
Stichwort "Umwegrentabilität"
Mit verschiedenen Studien wurde versucht aufzuzeigen, dass hohe kulturelle Aktivität, beispielsweise in einer Stadt, sich positiv in der wirtschaftlichen Entwicklung dieser Stadt niederschlägt.
Vorteile dieser Argumentation:
Nachteile der Argumentation:
Opportunitätskosten dieser Argumentation sind also:
Stichwort "Sozialer Nutzen"
Ein Paradebeispiel hierfür ist das äusserst erfolgreiche Social Entrepreneurship-Projekt "El Sistema" in Venezuela. Dort werden zur Zeit über 250'000 Kinder und Jugendliche vorwiegend in Orchesterspiel ausgebildet, jeden Tag, mehrere Stunden. Neben etwas dubiosem kulturellen Mehrwert ("dubios" auf dem Hintergrund ökonomischer Denkweisen gedacht), ergibt sich jedoch ein klar definierbarer volkswirtschaftlicher Mehrwert: dadurch dass die School-Dropout-Rate und die Kriminalitätsrate der TeilnehmerInnen von El Sistema nachweislich sinken, kann sehr direkt ein volkswirtschaftlicher Nutzen berechnet werden. Die Inter American Development Bank tat dies vor wenigen Jahren, um beurteilen zu können, ob sie 150 Millionen $ zur Expansion von El Sistema investieren würde. Resultat: 1 investierter Dollar resultiert in 1.68 Dollar Mehrwert. Die 150 Millionen wurden gesprochen.
Vorteile dieser Argumentation:
Nachteile dieser Argumentation:
Stichwort "Intrinsic Impact"
Neue amerikanische Studien, die sich mit dem Thema "Intrinsic Impact" beschäftigen, stossen derzeit (insbesondere im englischsprechenden Raum) auf grosses Interesse. Dabei wird gemessen, wie kulturelle Veranstaltungen auf Menschen wirkt, welche Wirkung, oder eben Impact sie hinterlassen. Und dies in verschiedenen Dimensionen: es gibt einen Captivation Index, Intellectual Stimulation, Emotional Resonance, Social Bonding, Aesthetic Growth und sogar Spiritual Value.
Vorteile dieser Argumentation:
Nachteile der Argumentation:
Sicher gibt es noch mehr Ansätze und Argumentationen. Was meint ihr, welchen Wert hat Kultur oder kann Kultur (verstanden hier als produzierbare und rezipierbare kulturelle Erzeugnisse) haben? Wie sollte am besten für Kultur argumentiert werden?
Etienne Abelin ist ein international erfolgreicher Violinist und Kultur-Entrepreneur. Er ist Mitglied u.a. im Mozart Orchester Bologna (Stimmfhrer 2. Violine) und im Luzern Festivalorchestra sowie Initiator zahlreicher innovativer Projekte.