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    Zwischen Mozart und Markt - Kulturvermittlung aus Sicht eines Selbstständigen

    Mit einem Beitrag zum Thema Kulturvermittlung möchte ich heute an den Beitrag von Lisa Unterberg anknüpfen und die Bedeutung der Kulturvermittlung in Deutschland aus meiner Sicht als selbstständiger Kulturvermittler im Bereich Oper reflektieren. Dadurch, dass zahlreiche Kulturinstitutionen fest angestellte Mitarbeiter beschäftigen, besteht eine große Herausforderung für selbstständig Tätige darin, Zugangsmöglichkeiten zu praktischen Arbeitsfeldern zu finden. Als eine konkrete Möglichkeit wird in dem Beitrag die Arbeit der Gruppe "Der Opernschlüssel" näher beleuchtet, die mit ihren Angeboten, allen Menschen die Auseinandersetzung mit der Oper ermöglichen will. Deutlich wird auch: Im Spannungsfeld von Kultur und Wirtschaft sucht die Kulturvermittlung noch nach einem scharfen Rollenprofil.

    [ von Robert Weidensdorfer | Selbstständiger Kulturvermittler ]   

    Workshop_opernschlussel
    Wirtschaftliche Situation  
    Während eines freiwilligen kulturellen Jahrs sammelte ich erste Berufserfahrungen in der musiktheaterpädagogischen Abteilung eines Opernhauses. Als ich später studierte, schloss ich mich der freischaffenden Kulturvermittlungsgruppe »Der Opernschlüssel« an. »Der Opernschlüssel« ist ein mobiles musiktheaterpädagogisches Angebot, das Musiktheater-Werke für jede Einrichtung im deutschsprachigen Kulturraum vermitteln kann. Gegenwärtig bestreite ich die Hälfte meines Lebensunterhalts mit meinen Tätigkeiten als Kulturvermittler.

     
    In den letzten Jahren ist es zu einer deutlichen Zunahme des Kulturangebots gekommen. Nie zuvor konnte der Mensch zwischen der enormen Vielfalt unterschiedlicher Kultur-, Freizeit-, Unterhaltungs- und Bildungsangeboten wählen. Beim Theater etwa ist die Anzahl der gespielten Werke und Aufführungen in den letzten Jahren angestiegen während die Besucherzahlen konstant blieben. Die Angebotsvielfalt findet sich auch im Bereich der Kulturvermittlung für alle Zielgruppen wieder: Lehrerfortbildungen, Jugendclubs, Erwachsenenworkshops, Instrumentalworkshops oder eine Kinderbetreuung während der Sinfonie.
     

    Aus der Perspektive des vielfältigen Angebots betrachtet, ist Kulturvermittlung offenbar ein vielversprechendes Marktsegment für einen Selbstständigen. Doch obwohl es – volkswirtschaftlich betrachtet – ein vielfältiges Kulturvermittlungsangebot gibt, sind die Zugangsmöglichkeiten für freischaffende Kulturvermittler begrenzt. Schließlich arbeiten in fast allen Kulturinstitutionen eigene Theater- und Konzertpädagogen und Dramaturgen an der Umsetzung von Kulturvermittlungsprogrammen. Die Nachfrage nach externer künstlerisch-pädagogischer Unterstützung und Beratung hält sich daher in Grenzen und konzentriert sich vor allem auf die zeitlich befristete Mitarbeit in Projekten. 

    Vermittlungspraxis 
    Obwohl die Kulturlandschaft heute durch ihre Vielfalt unterschiedlicher Formen und Angebote geprägt ist, wird sie von vielen Menschen in Deutschland noch immer als Hochkultur verstanden und wahrgenommen. Dennoch nutzen nur ca. 8 Prozent der Bevölkerung regelmäßig hochkulturelle Angebote, wohingegen die meisten Menschen nicht am hochkulturellen Leben teilnehmen. Eine idealistische Grundmotivation für meine Arbeit als Opernvermittler begründet sich darin, allen Menschen die Auseinandersetzung mit Oper zu ermöglichen. Damit einher geht auch der Anspruch, die kulturellen Codes aufzubrechen, nach denen die Oper vermeintlich nur von gut gebildeten Kennern verstanden werden kann.


    In einem Workshop des »Opernschlüssels« erleben die Teilnehmer eine beliebige Oper aus der Perspektive einer Figur. Mithilfe von theaterpraktischen Methoden fühlen sich die Teilnehmer in ihre Rolle ein, sodass sie ein emotionales Verständnis für ihre Figur entwickeln. Das Entscheidende ist, dass jeder Teilnehmer mit seiner Figur den Verlauf eines Workshops mit seinen individuellen Handlungen gestalten kann. Indem die Teilnehmer als Figuren die Oper selbst spielen, interpretieren sie die Handlungen der Figuren auf der Grundlage ihrer eigenen Lebens- und Alltagserfahrungen.


    Ein Beispiel aus der Oper »Der Freischütz«: Die gesamte private und berufliche Zukunft des jungen Jägers Max hängt von einem erfolgreichen Probeschuss ab. Verfehlt Max diesen Schuss, dann verliert er seinen Anspruch auf das Erbe der Försterei und die Hochzeit mit seiner Geliebten Agathe. Der Tag des Probeschießens rückt näher und näher – Max verfehlt seit Wochen jedes Ziel. Händeringend sucht er nach einer Lösung für sein Schützenpech.

    Man kann an dem Beispiel sehen, dass es in einer Oper meistens um gewöhnliche Menschen mit ihren Ängsten und Gefühlen geht (wenn man die Götter aus barocken Opern einmal ausklammert). Um die Situation von Max aus dem »Freischütz« zu verstehen, muss man kein »Opernkenner« sein, denn die Angst vor einer Prüfung hat jeder Mensch schon einmal erlebt. Interessant ist, dass die Teilnehmer unterschiedliche Lösungen entwickeln, wie sie mit dieser Angst umgehen. So wird im »Freischütz«-Workshop nicht die Lösung aus der Oper vorgegeben, in der sich Max die Freikugeln besorgt, die immer treffen. Die Teilnehmer müssen eine eigene Lösung für das Problem finden – die Varianten reichen vom Dopingversuch bis zur Verschiebung des Prüfungstermins.

    Workshop_bregenz_2
     

    Ziel und Wert der Opernvermittlung
    Im Grunde genommen decodiert der »Opernschlüssel« eine Oper ausgehend von ihrem dramatischen Kern, sodass die Teilnehmer in einem Workshop das primäre Verständnis für eine Oper durch die Auseinandersetzung mit den Figuren und ihren Handlungen entwickeln. Die individuellen Zugänge zur Oper finden die Teilnehmer im szenischen Spiel, bei dem sie die Beziehungen und Konflikte, in denen die Figuren zueinander stehen, nachvollziehen.

    Natürlich schafft es ein Workshop nie, die Schwellenangst der Teilnehmer vor einer Oper vollständig aufzubrechen. Die Oper ist nun mal eine komplexe Kunstform, in deren Verlauf die menschlichen Reize durch das Zusammenwirken von Orchestermusik, Gesang, Chor, Szenenwechsel permanent überflutet werden. Indem man aber die vermeintliche Künstlichkeit und Inszenierung der Oper durch die Auseinandersetzung mit dem Drama aufbricht, können Teilnehmer das Gefühl bekommen, in der Oper gut aufgehoben zu sein und gut vorbereitet in die Oper zu gehen. 


    Mehr Geist und weniger Leistung
    Ob das Verständnis von Kunst im Allgemeinen und Oper im Besondern durch das Wachstum von Kulturvermittlungsangeboten und ihre fortlaufende Professionalisierung erzielt wird, wage ich zu bezweifeln. Vielleicht ist der Ausgangspunkt der vielfältigen Bestrebungen von den Akteuren in Kultureinrichtungen, Schulen und Politik im Bereich Kulturvermittlung eher der, den selbstverständlichen Umgang mit Kunst im kulturellen Alltagsleben der Menschen zu verankern.

    Wenn das tatsächlich so ist, dann entfernt sich die Kulturvermittlung durch ihre Professionalisierung aber eher von diesem Ursprungsgedanken. Die Kulturvermittlung droht so zu einem schillernden Begriff ohne ästhetische Substanz zu werden, denn durch ihre Professionalisierung gerät sie natürlich stärker in das Blickfeld von Marketing und Management. Viele Kulturvermittlungsprojekte stellen bereits vor ihrem Beginn Erfolgseigenschaften für den Einzelnen in Aussicht. Häufig wird ihre Durchführung damit begründet, das Selbstbewusstsein, die Kommunikationsfähigkeit und das Selbstwertgefühl der Teilnehmer zu stärken. Es ist wünschenswert, dass das Hauptaugenmerk in der Kulturvermittlung in Zukunft stärker auf ihre künstlerische, soziale und ästhetische Bedeutung gelegt wird, und weniger auf Faktoren wie die Messbarkeit des wirtschaftlichen und persönlichen Erfolgs.  

    Robert_weidensdorfer_
    Robert Weidensdorfer, Jahrgang 1985, arbeitet als selbstständiger Kulturvermittler und –manager in Berlin. Er entwickelt und realisiert Kulturvermittlungsangebote und -projekte für verschiedene Kulturinstitutionen, u.a. Bregenzer Festspiele, die Staatsoper Unter den Linden und die Staatlichen Museen zu Berlin.

    www.opernschluessel.de

    • 16 January 2012
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    4 months ago Minh Schumacher liked this post.
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